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Die ersten Ideen zu dieser Arbeit sind während meines Studienaufenthalts an der Universität Leipzig entstanden, wo ich mit einem Forschungsstipendium des Deutscher Akademischer Austauschdienst im WS 1999/2000 studieren durfte.

Arkadiusz Jasiñski · Bydgoszcz 2001

ÜBERSETZER - BERUF ODER BERUFUNG?
Translatorische Kompetenzen und Übersetzungsarbeit im Zeitalter der internationalen Kommunikation

 

Inhalt Einleitung  [ 1.1 ]  [ 1.2 ] [ 2.1 ] [ 2.2 ] [ 3.1.1 ] [ 3.1.2 ] [ 3.1.3 ] [ 3.2 ] [ 4 ] [ 5 ] Literatur Glossar

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1.1. Kompetenzen im Übersetzerberuf

Übersetzen ist nicht mit dem bloßen Austauschen von Wörtern gleichzusetzen.

Hl. HieronimusDas klingt wie eine Binsenwahrheit. Vielleicht sollte es aber öfter wiederholt werden, um der noch so verbreiteten Vorstellung vom Übersetzen als "notwendigem Übel" endlich ein Ende zu setzen. Ein Übersetzungsauftrag wird nämlich immer noch von vielen Auftraggebern als ein solches betrachtet, weil sie die - zugegebenermaßen - oft schlechten Übersetzungen zu der Auffassung verleiten, es selber besser machen zu können.

Der Übersetzer sei austauschbar, anonym und häufig überflüssig, so hört man immer wieder. Überhaupt haben die Übersetzer eine sehr schlechte Presse. Wann gibt es schon mal einen Artikel über hervorragende Übersetzungsleistungen? Berichte über Fehlübersetzungen und Geschichten über unverständlich übersetzte Bedienungsanleitungen kennt hingegen jeder. Auf diese Weise entsteht in der öffentlichen Meinung ein sehr ungerechtes und in vielen Fällen einfach falsches Bild von dem Beruf des Übersetzers. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass die Tätigkeit sowie die Berufsbezeichnung des Übersetzers in vielen Ländern leider immer noch nicht gesetzlich geregelt und geschützt sind. Es ist bekanntlich in Polen der Fall, obwohl hier seit einiger Zeit sehr lobenswerte Initiativen zu bemerken sind - z.B. die Veröffentlichungen der Polnischen Gesellschaft der Übersetzer für Wirtschaft, Rechts- und Gerichtswesen (TEPIS) zur Etablierung des Übersetzerberufes (zahlreiche Publikationen in der Zeitschrift Lingua Legis und auch im Internet - sehr aufschlussreich fand ich bspw. den Artikel "Karta T³umacza Polskiego" in dem von TEPIS publizierten Online-Bulletin, Nr. 40 vom September 20001). Sehr anerkennenswert ist hier auch die Öffentlichkeitsarbeit einiger polnischen Übersetzungsagenturen.

Der Status des Übersetzerberufes in Deutschland ist insofern besser, als an vielen dortigen Hochschulen ein berufsqualifizierendes Übersetzerstudium angeboten wird. Darüber hinaus ermöglichen die Kultusministerien einiger Bundesländer staatliche Prüfungen und einige Industrie- und Handelskammern staatlich anerkannte Prüfungen für Dolmetscher und Übersetzer. So werden in Deutschland auch entsprechende Berufsbezeichnungen als akademische Grade anerkannt, die Bezeichnung Übersetzer dagegen gilt immer noch nicht als gesetzlich geregelte Berufsbezeichnung. Auf diesen Sachverhalt macht Peter Schmitt in einem Online-Bericht2 über das Berufsprofil der Übersetzer und Dolmetscher in Deutschland aufmerksam:

Während Übersetzer keine geschützte Berufsbezeichnung ist (...), sind folgende Berufsbezeichnungen gesetzlich geschützte akademische Grade: Diplom-Dolmetscher(in), Diplom-Übersetzer(in), Diplom-Fachübersetzer(in), Diplom-Technikübersetzer(in) und Diplom-Sprachmittler(in). Sie werden durch eine spezielle Ausbildung erworben.
(Zitat 1-1: SCHMITT Xlatio http://www.uni-leipzig.de/~xlatio/frs-allg.htm)

Im Prinzip kann also die Bezeichnung Übersetzer von jedermann ohne Qualifikationsnachweis verwendet werden, und so kommt es immer häufiger vor, dass diese Tätigkeit von solchen Personen beruflich ausgeübt wird, die lediglich über mehr oder weniger fortgeschrittene Kenntnisse einer Fremdsprache verfügen. Übersetzen gilt in vielen Kreisen eigentlich nicht als "richtiger" Beruf - viele Menschen glauben, dass, wer eine Fremdsprache einigermaßen beherrsche, als Übersetzer eigentlich qualifiziert sei.

Fremdsprachenkenntnisse gehören heute zur Allgemeinbildung. Ohne die Beherrschung mindestens einer Fremdsprache kann man in der Wirtschaft kaum noch Karriere machen. Im vielzitierten "globalen Dorf" mit seinem Medium Internet werden mehrere unterschiedliche Sprachen gesprochen - und in den internationalen Unternehmen arbeiten bereits sehr viele Spezialisten (wie z.B. die Werbefachleute in Marketingabteilungen oder die Juristen), die mit ihren Fremdsprachenkenntnissen durchaus imstande sind, Geschäfte mit ausländischen Partnern abzuwickeln.

Es kommt aber nicht selten vor, dass sich diese Spezialisten auch zutrauen, Übersetzungen von verschiedenartigen Fachtexten anzufertigen - sie gehen dabei davon aus, dass sie schon aufgrund ihrer Fremdsprachenkenntnis zum Übersetzen befähigt seien. Diese Ansicht wird auch von vielen "Übersetzern" vertreten, die verschiedene Texte nebenberuflich übersetzen - Jürgen Kern, der Präsident des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hat sich darüber folgendermaßen geäußert (die zitierte polnische Übersetzung seines Vortrags wurde in einem Artikel unter dem Titel "Problemy t³umaczy w Niemczech" in dem Online-Bulletin von TEPIS, Nr. 31 vom Juni 1998 veröffentlicht):

Poniewa¿ na drodze do podjêcia praktyki w zawodzie t³umacza pisemnego b±d¼ ustnego nie stoj± ¿adne przeszkody, nikogo nie dziwi wiêc fakt, ¿e nie ka¿dy, kto proponuje us³ugi w tym zakresie, jest profesjonalist±. W¶ród t³umaczy jest wiele osób bez profesjonalnego przygotowania do zawodu, zw³aszcza w przypadku t³umaczy pisemnych. Ka¿dy, kto uwa¿a, ¿e posiad³ ju¿ pewn± znajomo¶æ jêzyka obcego, mo¿e uznaæ zawód t³umacza za swoje powo³anie i ka¿dy, kto ma na to ochotê, mo¿e nazywaæ siebie t³umaczem, zarówno pisemnym jak i ustnym.
Profesjonali¶ci, znajduj±cy siê w otoczeniu ludzi, którzy jedynie dorabiaj± sobie jako t³umacze, musz± utrzymywaæ w stosunku do nich wyra¼ny dystans. Fakt, ¿e kto¶ rozumie lub mówi w obcym jêzyku, bez wzglêdu na stopieñ zaawansowania, nie oznacza automatycznie, ze posiada umiejêtno¶ci niezbêdne do t³umaczenia.
(Zitat 1-2: TEPIS Biuletyn, http://www.tepis.org.pl/biuletyn/31/problemy.htm)

Die Beherrschung zweier oder mehrerer Sprachen reicht also noch lange nicht aus, sich als Übersetzer zu qualifizieren. Beim Übersetzen handelt es sich um die erlernte Fähigkeit, Sachverhalte im Rahmen einer bestimmten Kultur und aus einem spezifischen Bereich menschlicher Aktivität in einer anderen Sprache in der Weise auszudrücken, dass der Text von der jeweiligen Zielgruppe vollständig und richtig verstanden wird. Um diese Fähigkeit zu erwerben, sind nach Erlernung der notwendigen sprachlichen Grundkenntnisse mehrere Jahre Praxiserfahrung erforderlich.

Eine Antwort auf die Frage, in welchem Zusammenhang Fremdsprachenkenntnisse und translatorische Kompetenz miteinander stehen, hatte Hans G. Hönig in seinem Buch Konstruktives Übersetzen gegeben:

[...] natürlich hat jeder Mensch, der auch nur ansatzweise über mehr als eine Sprache verfügt, die Fähigkeit, irgendwie zwischen diesen Sprachen zu vermitteln. Doch dies hat mit professionellem Übersetzen nichts zu tun, das wir hier so definieren wollen: Die Fähigkeit, zielsprachlich und -kulturell unauffällige Texte auf der Grundlage einer ausgangssprachlichen Textvorlage erstellen zu können.
(Zitat 1-3: HÖNIG 1997:26)

Eine gute Übersetzung ist also dann erreicht, wenn der Originaltext vollständig und richtig über die sprachlichen und kulturellen Barrieren hinweg, die den Verfasser von der Zielgruppe der Leser trennen, wiedergegeben wird. Von einem Übersetzer der Fachtexte wird meistens auch erwartet, dass er mit der spezifischen Fachsprache des zu übersetzenden Texts vertraut ist. Auf die Frage, inwieweit eine solche Einstellung gerechtfertigt ist, gehe ich im nächsten Kapitel ein.

Gute Übersetzungen sind auch das Ergebnis sorgfältig koordinierten Teamworks von Übersetzern und muttersprachlichen Korrektoren, wodurch die Vollständigkeit und Richtigkeit der Übersetzung gewährleistet werden. Solche Verfahren kommen vor allem in großen Übersetzungsagenturen zum Einsatz, wo in kurzer Zeit gewaltige Textmengen bearbeitet werden müssen - sie werden dort nicht nur übersetzt, sondern auch editiert und zum Druck vorbereitet. Ein Modell eines solchen Verfahrens wird im Kapitel 2.1 dargestellt.

Man könnte sich die Frage stellen, ob der Übersetzer überhaupt etwas Neues in den Text hineinbringt, an dem er arbeitet? Mit Sicherheit - jeder übersetzte Satz des Textes ist das Ergebnis seiner Wahl und seiner Entscheidungen, die er mit Hilfe seiner Kreativität und translatorischen Kompetenz getroffen hat. Aus diesem Grund werden Übersetzungen von verschiedener Qualität geliefert, wohlgeratene und solche, für die es besser wäre, wenn sie schnell in Vergessenheit gerieten.

Mit Sicherheit ist jede Übersetzung Variation über ein Thema. Unter diesem Aspekt bewegt sich die übersetzerische Tätigkeit natürlich zwischen zwei gegensätzlichen Polen: Auf der einen Seite steht Dichtung, deren Übersetzer sich eigentlich Interpreten im wahrsten Sinne des Wortes nennen dürften, da sie de facto neue Werte schaffen. Auf der anderen Seite befindet sich die juristische, technische, medizinische u.ä. Fachübersetzung, wo Übersetzer sich möglichst nahe an den Gegenstand des Textes halten müssen. In jedem Fall aber wäre es am besten, wenn es sich am Zieltext überhaupt nicht erkennen ließe, dass es sich um eine Übersetzung handelt.

 

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1. http://www.tepis.org.pl/biuletyn/40/stp.htm
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2. Den Bericht kann man in zwei Versionen von einer ansonsten auch sehr empfehlenswerten
Webseite "XLATIO - das Leipziger Tor zur Welt des Übersetzens und Dolmetschens" herunterladen: http://www.uni-leipzig.de/~xlatio.
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Sollten Sie einzelne Abschnitte oder Gedankengänge aus meiner Diplomarbeit für eigene Abhandlungen übernehmen, weise ich Sie hiermit ausdrücklich darauf hin, dass aus meiner Diplomarbeit entnommene Teile als solche gekennzeichnet werden müssen (Zitat!).

Zitatvorschlag:
Jasiñski, A. (2001): Übersetzer - Beruf oder Berufung? Translatorische Kompetenzen und Übersetzungsarbeit im Zeitalter der internationalen Kommunikation - unveröffentlichte Diplomarbeit an der Akademia Bydgoska im. Kazimierza Wielkiego, 109 S.(+ 13 S. Anhang), 21 Abb., 16 Taf.; Bydgoszcz (Lehrstuhl für Germanistik).

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