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Die ersten Ideen zu dieser Arbeit sind während meines Studienaufenthalts an der Universität Leipzig entstanden, wo ich mit einem Forschungsstipendium des Deutscher Akademischer Austauschdienst im WS 1999/2000 studieren durfte.

Arkadiusz Jasiñski · Bydgoszcz 2001

ÜBERSETZER - BERUF ODER BERUFUNG?
Translatorische Kompetenzen und Übersetzungsarbeit im Zeitalter der internationalen Kommunikation

 

Inhalt Einleitung [ 1.1 ] [ 1.2 ] [ 2.1 ] [ 2.2 ] [ 3.1.1 ]  [ 3.1.2 ]  [ 3.1.3 ] [ 3.2 ] [ 4 ] [ 5 ] Literatur Glossar

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Translationsproblematik von gewählten Textsorten

 

3.1.2. Juristische Texte

Durch das Zusammenwachsen der Nationalstaaten in internationalen Organisationen und durch die immer engeren Wirtschaftsverflechtungen zwischen den Staaten nehmen auch die Anforderungen an Übersetzungsleistungen im Bereich der juristischen Texte zu. Zur Gewährleistung einer funktionierenden Kommunikation bedarf es der Übersetzung von Rechtstexten aller Art, vom Kaufvertrag über Versicherungsgutachten bis zum Gerichtsurteil.

Die Übersetzung von Rechtstexten aller Art unterscheidet sich wesentlich von der Übersetzung anderer Fachtexte - sie kann nicht allein auf einem sprachlichen Verständnis beruhen. Das heißt, es sind nicht nur die Inhalte der fremdsprachlichen Sätze, die vom Übersetzer verstanden und in die Zielsprache übertragen werden, sondern vielmehr auch die juristischen Zusammenhänge, die im Zieltext wiedergegeben werden müssen. Jeder Rechtstext ist in den Geltungsbereich einer nationalen Rechtsordnung eingebettet. Um seine kommunikative Funktion auch in der Zielsprache zu erfüllen, muss der ausgangssprachliche Text deshalb nicht nur sprachlich korrekt, sondern auch unter Berücksichtigung einer bestimmten Rechtsordnung übersetzt werden.

Hier kommt also ein zusätzlicher Aspekt der Translation zum Vorschein, der sich aus dem lateinischen Ursprung des Wortes transferre - "hinüberbringen" ergibt, d.h. der Aspekt des Vermittelns von Inhalten aus einer Rechtsordnung in eine andere. In diesem Sinne erfordert die Übersetzung von Rechtstexten eine besondere fachbezogene Kompetenz, die nur durch entsprechende Fachausbildung oder im Rahmen einer Spezialisierung erworben werden kann.

Die Formulierungen in der Rechtssprache werden nach spezifischen syntaktischen, semantischen und pragmatischen Regeln konstruiert. Insofern kann man die Rechtssprache als eine Art von isolierter, eigenständiger Subsprache betrachten. Im Bereich des Rechts lassen sich noch weitere Sprachtypen (Subsprachen) unterscheiden, z.B. die Sprache des Gesetzgebers, des Richters, der Rechtslehre, usw. Deshalb sind einige Forscher der Meinung, man solle von mehreren Ausprägungen der Rechtssprache ausgehen. Dies wäre um so mehr gerechtfertigt, als jede einzelne Rechtsordnung - ein von Geschichte und Kultur geprägtes Produkt - auch durch ihre eigene Rechtssprache gekennzeichnet ist. In der Fachsprachenforschung unterscheidet man zwei grundsätzliche Ausprägungen der Rechtssprache: die Rechtssprache im engeren Sinne, also die Sprache der Gesetzestexte und Gerichtsakte auf der einen, und die Juristensprache, also die wissenschaftliche Ausdrucksweise der Juristen bei Besprechung der rechtlichen Zusammenhänge auf der anderen Seite. Diese Unterscheidung hat der polnische Linguist Jerzy Pieñkos (1993:99) folgendermaßen formuliert:

Jêzyk prawny to jêzyk, w którym jest formu³owane prawo, natomiast jêzyk prawniczy to taki jêzyk, którym pos³uguj± siê prawnicy, gdy mówi± o prawie, formu³uj±c swe pogl±dy dotycz±ce wa¿ko¶ci norm prawnych i ich klasyfikacji. S³owem, jêzyk prawny to jêzyk ustaw, dekretów, rozporz±dzeñ, aktów normatywnych, a jêzyk prawniczy to jêzyk doktryny, dogmatyki prawnej.
(Zitat 3-5: PIEÑKOS 1993:99)

Ein anderer polnischer Linguist, Jan Lewandowski, weist in einem Artikel aus der in der Zeitschrift Lingua Legis (vgl. die Bemerkungen zu TEPIS im Kapitel 1.1) veröffentlichten Artikelreihe Polski dla t³umaczy darauf hin, dass man noch eine weitere Art der Rechtssprache unterscheiden sollte. Er plädiert für eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung der "publizistischen Fachsprache", die bei der Beschreibung von juristischen Gegebenheiten verwendet wird. Diese "dritte Ausprägung" der Rechtssprache sollte einen primären Charakter gegenüber den übrigen zwei Subsprachen haben. Sie unterscheidet sich von ihnen auch unter dem stilistischen Aspekt. Zur Veranschaulichung der stilistischen Differenzen zwischen der Rechtssprache i.e.S. und dem wissenschaftlichen Stil der juristischen Texte stellt der Autor die charakteristischen Merkmale der beiden Ausdrucksweisen in einer Auflistung zusammen. Nachstehend wird dieser interessante Vergleich in tabellarischer Form dargestellt (vgl. LEWANDOWSKI 1995:41):
 

 

amtlicher Stil
(Gerichtsakte und Gesetzestexte)

wissenschaftlicher Stil
(juristische Texte)

     

Flexion

unpersönliche Formen des Verbs und Passiv

Aktiv

     

Imperativ

Indikativ und Konjunktiv

     

Phraseologie

Verwendung von standardisierten Formulierungen

längere Aussagen und Wendungen von abstraktem Charakter

     

Syntax

unpersönliche Konstruktionen ohne grammatisches Subjekt

Subjekt in der 1. Person Plural (pluralis modestiae5)

     

überwiegend einfache Sätze und Satzverbindungen

zusammengesetzte Sätze, häufige Satzgefüge, Fragesätze (sog. Thesen)

     

Textaufbau

vielschichtige Gliederung (Bücher, Titel, Artikel, Absätze und Paragraphen)

Gliederung in Teile, Kapitel, Punkte und Abschnitte

     

Lexik

Rechtsbegriffe, Terminologie aus dem jeweiligen Bereich des Rechts, "Kanzleideutsch"

juristische Begriffe, Abstrakta, Metaphern, Modalpartikeln wie: zweifellos, allerdings, vielleicht, angeblich, bekanntlich, zugegebenermaßen usw.

 

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6. In wissenschaftlichen Texten steht die 1. Person Pl. sehr oft als sog. "Autorenplural" für die 1. Person Sing. - daher auch die lateinische Bezeichnung: "Plural der Bescheidenheit" (vgl. HELBIG/BUSCHA 1994:252; Der DUDEN; Bd.4 1998:331).
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Sollten Sie einzelne Abschnitte oder Gedankengänge aus meiner Diplomarbeit für eigene Abhandlungen übernehmen, weise ich Sie hiermit ausdrücklich darauf hin, dass aus meiner Diplomarbeit entnommene Teile als solche gekennzeichnet werden müssen (Zitat!).

Zitatvorschlag:
Jasiñski, A. (2001): Übersetzer - Beruf oder Berufung? Translatorische Kompetenzen und Übersetzungsarbeit im Zeitalter der internationalen Kommunikation - unveröffentlichte Diplomarbeit an der Akademia Bydgoska im. Kazimierza Wielkiego, 109 S.(+ 13 S. Anhang), 21 Abb., 16 Taf.; Bydgoszcz (Lehrstuhl für Germanistik).

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